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Nachdenklich: Endlich wieder allein im Wald!

Erstellt von Dirk Schäfer |

Mein modernes Kommunikationszeitalter begann etwa 1999 mit einem kleinen grünen Bosch-Handy, das nicht lange gehalten hat und abgelöst wurde von einem heißbegehrten silbernen Klappgerät. Der transparente Rand leuchtete bei Anrufen umlaufend – so war jeder Anruf sehnlich erwartet und jeder Anrufer musste lange warten, bis ich endlich „ranging“…

Der echte Start war 2005. Neu als Verwaltungsdezernent mit einer für innovative Ideen (das war damals wohl eine…) offenen Betriebsleitung bekam ich ein Blackberry – Telefonieren, Adress- und Terminverwaltung in einem Gerät: Klasse! Ein Android wäre ja langweilig gewesen und auf der Welle der hippen IPhones wollte ich nicht schwimmen (hätte ich wohl auch nicht bekommen). Blackberry war etwas für die, die die weniger ausgetretenen Pfade gingen. Damals wusste ich allerdings noch nicht, dass es die Statussymbole des VW-Managements waren. Mit dem Blackberry Q10 betrat ich dann die Welt des mobilen Internet. Nun konnte ich „überall sein“, alles wissen, alles fragen ohne mich unwissend outen zu müssen. Toll! Toll! Toll!

Nun war die mal neue Idee zum Standard geworden und der Schritt zum schnöden Samsung Galaxy S weißnichtwieviel war zwangsläufig. Nein, wirklich kein schlechtes Gerät, ich gewöhnte mich sehr schnell daran. So sehr, dass ich irgendwann nicht das Zimmer verlassen konnte, ohne es in der Hosentasche zu spüren. So sehr, dass mir die Möglichkeiten des Gerätes vorgaben, wie ich die freien Minuten nutzte. Und was gibt es für tolle Apps!

Das war mir lange vollkommen normal vorgekommen. Beim Kirchentag saß ich in der Berliner S-Bahn zwei jungen Mädels gegenüber – zweifelsfrei an den orangen Schals als Gleichgesinnte erkennbar. Sie studierten den analogen(!) Kirchentagsführer. Ich sprach sie reichlich konsterniert an, ob sie denn nicht die gut gelungene Kirchentags-App kennen würden? Sie kicherten etwas verlegen, eine erschöpfende Erklärung für ihre hoffnungslose Verlorenheit im analogen Zeitalter bekam ich allerdings nicht – und fühlte mich unheimlich jung und modern!

Mein Nutzungsspektrum lag bestimmt noch weit unter dem Standard, aber es reichte: es reichte, dass ich nicht mehr Herr des Gerätes war, sondern das das Gerät mein Verhalten zu bestimmen begann. Gleich dem Ring der Ringe, der wie von selbst den Ringfinger seines Trägers sucht um die Macht über ihn zu übernehmen…
Und so griff nicht mehr meine Hand in die Tasche zum Smartphone sondern „Es“ zog sie hinein. Oft ertappte ich mich beim Blick auf das Display in völlig unmöglichen Situationen. Beim Sonnenspaziergang im leuchtenden Herbstlaub, in der Bestandesdunkelheit bei der Saupirsch, beim Gespräch mit Freunden in der Kneipe – besonders gerne in Sitzungen, deren Spannungsgehalt übersichtlich war! Ich war nun wirklich überall – im Weißen Haus (derzeit ja ständig), in Saudi Arabien, bei der Eisschmelze in der Antarktis, bei Putin oder auf den Ozeanen auf den Plastikmüllinseln. Nur – ich war nicht mehr da, wo ich eigentlich sein wollte: in der Natur, zusammen mit der Familie, in einer Sitzung oder was auch immer.

Der Ablösungsprozess begann, als ich bei Abendansitzen das Gerät im Auto ließ. Und das fiel zuweilen schwer. Die eigentliche Zäsur war eine kurze Krankheit. Wie oft Zeit zum Nachdenken und aufräumen. Und da kam der Gedanke: warum mache ich nicht das Gerät, zu dem ich es eigentlich brauche: zu einem Kommunikationsinstrument. Es war übrigens eine Idee geboren in einem Familiengespräch im Beisein unseres 16jährigen Sohnes. Er war anfangs etwas irritiert, dann wandte er sich gar verstört ab: Ich begann wild entschlossen alle Apps zu löschen, die ich eigentlich nicht brauche, jedenfalls nicht mobil: Spiegel online, ZEITonline, Kicker, Autoscout24 (wie oft kaufe ich ein Auto?), usw. Es waren viele, die ich deinstalliert oder, so das nicht ging, deaktiviert habe. SMS, Mail, Kontakte, Terminplaner, WhatsApp und – zugestanden – Google sind noch drauf.

Und nun: es ist wie eine Verwandlung – das Gerät mal liegen lassen: warum nicht! Draufschauen: nur ab und zu nötig (so viele WhatsApp-Gruppen zum Teilen mehr oder weniger interessanter Film- oder Bildchen habe ich nicht). Es ist schlicht eine Erleichterung. Und ja – wenn ihr mir nun begegnen solltet und mich schlechter informiert findet: Kann sein, glaube ich aber nicht – es gibt ja noch die Zeitung und den PC…

Und im Wald: da bin ich nun wieder (fast) alleine!